Das beklemmende Gefühl der Unsichtbarkeit
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Freitag, 29. September 2017
Ich weiß nicht woher das kommt. Dieses Gefühl der Unsichtbarkeit. Aber irgendwie ist es da, und das schon seit Längerem. Es sitzt tief in mir drin. Eingraviert wie ein Tattoo auf der Haut, nur dass man es nicht sehen kann. Und je mehr ich hoffe, dass es verschwindet und ich mich endlich wieder lebendig und wichtig fühlen kann, desto mehr wächst es immer weiter und laugt mich langsam aber sicher aus.
Es geht schon viel zu lange so. Ich war nie ein Mensch, der großartige Aufmerksamkeit braucht. Ich war nie ein Mensch, der glücklich ist, wenn er im Mittelpunkt steht. Ich kam immer gut alleine klar, und habe immer mein eigenes Ding durchgezogen. Ich habe diese Anonymität in fremden Städten immer genossen und mich frei gefühlt. Eigentlich.
Ich sage eigentlich - denn seit längerer Zeit ist da keine Freiheit mehr. An der Stelle, wo immer Freiheit war, ist jetzt ein beklemmendes Gefühl der Unsichtbarkeit. Vielleicht klingt es bescheuert, denn eigentlich weiß ich ja genau, dass man mich sieht. Mir ist durchaus bewusst, dass Menschen sichtbare Wesen sind und der Unsichtbarkeitsumhang von Harry Potter reine Fiktion ist. Ich bin ja nicht komplett Matsche im Kopf. Ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass mein Kopf blendend funktioniert. Das, was Faxen macht, ist eher mein Herz.
Ich gehe oft durch die Straßen, blicke in unzählige fremde Gesichter und dort, wo ich mich mit meiner Anonymität eigentlich immer wohl gefühlt habe, fühle ich mich plötzlich unbeachtet. Unwichtig irgendwie. Nutzlos. Verloren. Ich habe das Gefühl, dass mich keiner sieht und auch niemand sehen will. Und dass ich den wenigen Menschen, die mich sehen, ziemlich egal bin.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Welt an mir vorbeizieht. Als würde ich in einem Zug sitzen, der permanent rast. Ohne Pausen. Ohne Entspannung. Permanentes Adrenalin. Und ich bin die einzige Person, die in diesem Zug sitzt. Es ist niemand da, der mich versteht. Niemand, mit dem ich meine grauen Gedanken teilen kann.
Eigentlich ist das Schwachsinn. Ich habe eine Familie. Ich habe Freunde - gute Freunde - sogar beste Freunde. Und ich weiß auch, dass diese mich lieben und mich verstehen. Eigentlich. Aber nicht mal diese schaffen es, mich momentan aus diesem Zug herauszuziehen.
Viel zu oft habe ich das Gefühl, dass ich nerve. Dass ich unerwünscht bin, oder jemandem peinlich bin. Wenn ich mal wieder eine meiner furchtbaren Lachattacken habe, die ich nicht kontrollieren kann. Wenn ich mal wieder pausenlos rede wie ein Wasserfall, und viele blödsinnige Worte aus meinem Mund fallen. Wenn ich mal wieder nicht aufhören kann, mir den Kopf zu zerbrechen, und Menschen mit meinem Gedankenchaos vollschütte. Wenn ich mal wieder 17271 Spamnachrichten oder viel zu lange Audios verschicke, weil mir etwas auf dem Herzen liegt oder ich mich einfach mal wieder wichtig fühlen möchte. Ich habe viel zu oft das Gefühl, dass ich viel mehr eine unerträgliche Last bin, als ein Mensch, mit dem man gerne seine Zeit verbringt und den man in seinem Leben nicht missen möchte. Und das ist traurig, da sich viele dieser Menschen, die in mir dieses Gefühl ausbreiten, alle Mühe geben, um mich vom Gegenteil zu überzeugen und eigentlich genug Beweismaterial liefern, um mich wissen zu lassen, dass sie mich lieben.
Ich möchte mich wieder wichtig fühlen, wenn ich mit geliebten und mich liebenden Menschen zusammen bin. Ich möchte mich wieder frei und sorgenlos fühlen, wenn ich in einer Stadt anonym umher laufe und in fremde Gesichter blicke. Ich möchte wieder in Ruhe ein- und ausatmen können, ohne das Gefühl zu haben, an meinem eigenen Gefühlsstaub zu ersticken. Aber ich glaube, das dauert noch eine Weile. Dieses Gefühl der Unwichtigkeit und der ständigen Unsichtbarkeit sitzt tief in mir drin. Als hätte es einen Anker in mein Herz geworfen.
